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Autor: Rainer Albert Huppenbauer | 22.11.2019 um 16:09 Uhr | 0 Kommentare

16 Jahre oenologisches Manifest - Ein Erinnerungsversuch

Am 7. Oktober 2003 veröffentlichte die Frankfurter Allgemeine Zeitung eine Kolumne von Reinhard Löwenstein unter dem Titel: „Von Öchsle zum Terroir – Ein oenologisches Manifest“.
Das schlug damals ein wie ein Bombe. Reinhard Löwenstein polemisierte in dem Artikel über die Idee der Öchslegrade und wie diese Herangehensweise das Image deutscher Weine zusehends verschlechterte, ja es heute noch tut. Er schrieb das, weil er wusste, dass deutscher Wein international fast komplett an Bedeutung verloren hatte. Und wie damals ist„Weindeutschland“  nach wie vor in einer Krise, deren Ende nicht absehbar ist. Ich meine damit nicht, dass es keine anständigen Weine gibt, das Gegenteil ist der Fall. Aber international ist deutscher Wein out wie nie zuvor. RL suchte und fand den Weg, der es ermöglichen würde, diese Krise zu beenden. Es entstand die Gegenbewegung zu Grad Öchsle, kurz Terroir genannt.  Aber, so meine Einschätzung, so richtig Fuß gefasst hat sie bis heute nicht. Die Gründe dafür sind vielschichtig. Da sind zum einen die großen Winzervereinigungen, Großwinzer und Weinbauverbände, denen jede Veränderung wie Krätzerei vorkommt. Da sind das veraltete deutsche Weingesetz, Großlagenbezeichnungen und auch eine inflationäre Entwicklung der Großen Lagen im VdP. Letztere führt eben dazu, dass nun auch für viel Geld Weine zu haben sind, die eben bestenfalls als Mittelmaß qualifiziert werden können. Das Regionalprinzip des VdP, ist zwar schön und gut, aber wie man an der ständig wachsenden Zahl der Großen Lagen sieht, noch nicht zu Ende gedacht. Damit wir uns richtig verstehen, ich habe nichts gegen hohe Preise bei Weinen die die entsprechende Qualität haben, also handgemachte Terroirwein mit dem Charakter der Lage aus der sie stammen, so wie ich es von einem Großen Gewächs erwarten kann. Ich habe aber etwas dagegen, dass eine große Idee, und das ist die Klassifizierung Großer Lagen, zur Beliebigkeit verkommt und als Blaupause zum Geld drucken verwendet wird. Leider sind wir bei den Großen Lagen an einem Punkt angekommen, der die ganze Absurdität des deutschen Weinbaus der letzten 100 Jahre widerspiegelt.
Traubenadler und GG werden vom Konsumenten oft nicht hinterfragt und geprüft.
Dass es anders geht beweisen täglich dutzende Winzer Land auf Land ab. Es sind die, die die Lage schmeckbar und die Weine nicht austauschbar machen. Das Problem ist nur, dass sie eben in der krassen Minderheit sind. Da habe ich noch gar nicht an Abfüller gedacht.
Ich will es an einem Beispiel an Saale-Unstrut zeigen. Einer der markantesten Weinberge der Region ist der Naumburger Steinmeister. Den eigentlichen Steinmeister bewirtschaften im Wesentlichen, wenn man es großzügig betrachtet, drei Winzer. Hey, Gussek und Prof. Wartenberg und Sauer. Ein bestimmter Geschmack ist diesem ca. 6 Hektar großem Areal eigen. Eine leichte kräuterige, salzige Mineralität mit zurückhaltender, sich bereits nach kurzer Flaschenreife, gut entwickelnden eleganten Frucht, beschreibt es wohl am Besten.
Auf Grund des unsäglichen Lagenwirrwarrs tragen nun aber auch andere Flächen (etwa 40 Hektar) diese Lagenbezeichnung. Von der oben erwähnten Charakteristik haben diese Flächen nichts. Da nun aber vor allem ein Großwinzer von der Lagenbezeichnung gebrauch macht ja davon lebt, entstehen zwangsläufig für den Konsumenten Fragen über Preise.
Ein Lagenriesling von Hey aus dem Steinmeister ist je nach Jahrgang zwischen  20,00 und 25,00 Euro zu haben, ein Riesling mit der gleichen Bezeichnung vom Weingut Herzer für 8,90 Euro. Hat man Glück, schmeckt der Herzerwein noch nach Riesling, nach Steinmeister kann er nicht schmecken, weil er dort nicht wächst.
Es kommt sogar noch schlimmer. Ein weiterer Winzer nutzt für die gleiche Fläche die Herzer als Steinmeister bezeichnet die Bezeichnung der Großlage Göttersitz. In der sich wiederum der Steinmeister und seine Satelliten befinden. Er könnte daher auch Steinmeister darauf schreiben. Man muss nicht weiter ausführen, um das Dilemma zu erkennen. Das reicht wohl. Obwohl es jeder weiß, geht der staatlich erlaubte Etikettenschwindel immer weiter. Kein Aufbegehren und auch nach dem Ausscheiden des ehemaligen Weinbaupräsidenten, nichts, kein zucken in dieser Richtung.
Zurück zu Reinhard Löwenstein und der von ihm losgetretenen Bewegung auch gegen diesen Unsinn an Saale-Unstrut. Manchmal ist es eben so, dass großartige Ideen falsch, mutwillig schlecht gemacht, dumm oder gar nicht interpretiert werden. Nehmen sie nur mal Jesus oder Marx.
Und so kann es sein, dass zwar alle die im Weinbau etwas auf sich halten kistenweise Gestein, auf denen ihre Weine wachsen, in Verkostungen tragen, aber nur die wenigsten verstehen, worum es eigentlich geht. Sie tun es, weil es einer vormachte der Erfolg damit hatte, aber etwas ganz anderes meinte.
Die Quintessenz ist doch im Grunde die, hält man an der Öchsle und Großlagenpolitik fest, wird genau das, was wir lieben und Weinkultur nennen, sich gegen industriell hergestellte, gefällige Weine nicht durchsetzen können. Ein Stück Lebensqualität, die die Weinkultur nun mal ist, wird den Weinhang hinunter gehen. Armes Deutschland.
  
Am 21.11.2019 traf ich einen langjährigen und bekannten regionalen Weinverkäufer, der für das größte private Weingut an Saale-Unstrut in der Spur ist. Ich hatte nach einem kurzen Gespräch den Eindruck, er weiß nicht was er tut.



 Tags: Terroir, Heymann Löwenstein, Naumburger Steinmeister

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